diff --git a/Website/content/de/posts/2026-04-02-Tagung_Theologie_und_Hochschuldidaktik/index.md b/Website/content/de/posts/2026-04-02-Tagung_Theologie_und_Hochschuldidaktik/index.md index e6eff23..79a9988 100644 --- a/Website/content/de/posts/2026-04-02-Tagung_Theologie_und_Hochschuldidaktik/index.md +++ b/Website/content/de/posts/2026-04-02-Tagung_Theologie_und_Hochschuldidaktik/index.md @@ -1,17 +1,50 @@ -# Wie kann offene Lehr- und Lernpraxis partizipatives Lernen ermöglichen? +# Können OEP partizipatives Lernen und Demokratiebildung fördern? + +Unter dem Motto OEP & Demokratiebildung fand sich das Netzwerk [Theologie und Hochschuldidaktik](https://www.dghd.de/community/netzwerke/netzwerk-theologie-und-hochschuldidaktik/) vom 30.-31. März 2026 in Münster zusammen. Damit sollte der gedankliche Faden des letztjährigen Tagung mit dem Fokus auf OER aufgenommen, aber im größeren Kontext der offenen Bildungspraktiken verortet werden. Unsere Erfahrung aus dem letzten Jahr könnt ihr [hier](https://oer.community/oer-meets-fachdidaktik/) nachlesen. +Das Ziel der diesjährigen Tagung spiegelte sich auch in der Tagungsorganisation wieder: So waren die Beiträge offen und partizipativ angelegt, ein frei zugängliches [Miro-Bord](https://miro.com/app/board/uXjVJB_19W8=/?share_link_id=715222657350) führte schon im Vorfeld und auch während der Tagung durch das Programm und ermutigte zur offenen Teilhabe. + + +## Klassismussensible Hochschulbildung + +Das FOERBICO-Team war mit Laura und Phillip vertreten und gestaltete einen Workshop zur klassismussensiblen Hochschulbildung durch OEP. Ausgangspunkt war eine Reflexion eigener Lehrerfahrungen, in der Teilhabebarrieren zunächst subjektiv sichtbar gemacht und anschließend im Rückgriff auf theoretische Perspektiven perspektiviert wurden. +Dabei wurde insbesondere an die von [Alheit (2020)](https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=cHGYEAAAQBAJ&oi=fnd&pg=PA19&dq=Peter+Alheit+ausschluss+universit%C3%A4t&ots=EEGcjwidXo&sig=pceMTheIk257mawLz-D_dZou5OM#v=onepage&q&f=false) beschriebenen Schließungstendenzen an europäischen Universitäten angeknüpft, die auf strukturelle Ungleichheiten und habitualisierte Ausschlüsse im Hochschulkontext verweisen. +Vor diesem Hintergrund rückte die Frage in den Fokus, inwiefern OEP dazu beitragen können, solche Barrieren nicht nur zu erkennen, sondern auch zu irritieren und zu transformieren. +Anknüpfend an sozial-justizorientierte Ansätze offener Bildung [(vgl. Bali/ Cronin/ Jhangiani](https://doi.org/10.5334/jime.565)) wurde herausgearbeitet, dass OEP über den bloßen Zugang zu Materialien hinausgehen und als Praxis der Öffnung von Lernprozessen, der kollaborativen Wissensproduktion sowie der Anerkennung vielfältiger Perspektiven verstanden werden müssen. Gerade hierin liegt ihr Potenzial, klassische Machtasymmetrien in der Lehre aufzubrechen und neue Formen von Teilhabe zu ermöglichen. Zugleich wurde deutlich, dass Offenheit nicht voraussetzungslos ist: Zeitliche Ressourcen, institutionalisierte Lehr-Lernformate sowie normative Vorstellungen von Wissen, Autorität und Rollen begrenzen die Umsetzungsmöglichkeiten. OEP erscheinen damit auch als technisches Instrument, aber vielmehr als reflexive, machtkritische Praxis, die nur dann ihr inklusives Potenzial entfalten kann, wenn sie bewusst gestaltet, kontextsensibel eingebettet und didaktisch gerahmt wird. +- Disziplinübergreifend wurde noch in weiteren Workshops ausgelotet, wie offene Bildungspraktiken Demokratiebildung stärken können. Nähere Einblicke in die anderen Workshops könnt ihr auf dem [Miro-Bord](https://miro.com/app/board/uXjVJB_19W8=/?share_link_id=715222657350) bekommen. -Auch in diesem Jahr fand wieder die Tagung des Netzwerks ["Theologie und Hochschuldidaktik"](https://www.dghd.de/community/netzwerke/netzwerk-theologie-und-hochschuldidaktik/) am 30.-31. März 2026 in Münster statt. Unsere Erfahrung aus dem letzten Jahr könnt ihr [hier](https://oer.community/oer-meets-fachdidaktik/) lesen. -Dieses Jahr stand OEP & Demokratiebildung im Mittelpunkt der Tagung. Damit sollte der gedankliche Faden des letztjährigen Tagung mit dem Fokus auf OER aufgenommen, aber im größeren Kontext der offenen Bildungspraktiken verortet werden. Das Ziel der Tagung spiegelte sich auch in der Form wieder: So waren die Beiträge offen und partizipativ angelegt, ein frei zugängliches [Miro-Bord](https://miro.com/app/board/uXjVJB_19W8=/?share_link_id=715222657350) führte schon im Vorfeld und auch während der Tagung durch das Programm und ermutigte zur offenen Teilhabe. -Nach einer kurzen Einführung zu dem Themengerüst OER und OEP von Ludger Hiepel und Laura Mößle begannen die Workshops, in denen jeweils aus unterschiedlicher Fachdisziplin überlegt wurde, in welcher hinsicht OEP einen Beitrag zur Demokratiebildung leisten könne. -- Aus dem FOERBICO Team, haben Laura und Phillip einen Workshop zu klassismussensibler Hochschulbildung durch OEP. Darin stand im Fokus, dass eine Haltung der offenen Pädagogik zunächst Ausgrenzungsstrukturen aufgrund von Klasse aufdeckt und auch für diese sensibilisieren kann. OER und OEP können von ihrem normativen Anspruch her, dazu bei tragen diese Strukturen zu verändern, jedoch sind diese alleine kein Allheilmittel. -- Aus dem Fachbereich des neuen Testaments gab es zwei Beiträge die sich einerseits mit der Frage von exegetischen Diskurs anhand eines Bibel Zitats [Römer 13,1-2](https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/ROM.13) über die Möglichkeit Diskursfähigkeit einzuüben. -- Der zweite Workshop aus dem Neuen Testaments stand unter der Frage der was denn studentische Partizipation im Hochshulkontext eigentlich bedeute. Wie kann Mitgestaltung gefördert werden, wenn diese abgelehnt werde. -- Im darauffolgenden Workshopblock ging es um die Frage nach *Wahrheit* und wie diese innerhalb der Studierendenschaft gestärkt werden. In diesem Kontext wurden zudem mögliche Methoden überlegt, wie diese Tugend gemeinsam mit Studierenden nicht nur erarbeitet, sondern auch eingeübt werden können. -- Im letzten Workshop wurde in einem Rollenspiel den Teilnehmenden deutlich vor Augen geführt, welche Vorraussetzungen eine offene und partitipative Pädagogik ermöglichen. Eine offene Didaktik geschieht nicht vorraussetzungslos, sondern sie bedarf Vorbereitung und Anleitung auf seiten der Lehrenden und eine Verantwortungsübernahme auf seiten der Lernenden. ## Community-Abend -Der gemeinsame Community-Abend ermöglichte eine gelebte offene Praxis. Teilnehmende konnten OER oder Ideen für Seminare mit anderen Teilnehmenden teilen und diese Weiterentwickeln. Hierbei haben sich auch spontane Gruppen gebildet, beispielsweise zum Thema Selbstorganisation und Wissensmanagement und wie digitale Tools dabei helfen können eigene Arbeiten sowie Gruppenarbeiten zu organisieren. Dabei konnte das FOERBICO Projekt aus der offenen Arbeit mit Git sowie der Arbeit mit Markdown davon berichten, wie dies das Arbeiten innerhalb des geschlossenen universitären Kontextes verändert hat. Zugleich konnte in anderen Gruppen die [Qualitätskriterien](https://oer.community/qualitaet/) angewendet werden um selbsterstelltes Material zu überprüfen. -Der Community-Abend ermöglichte Raum für die gemeinsame Praxis und schaffte somit den Sprung von das Sprechen über in das Handlen zu kommen. Vor allem die Multiperspektivität und auch der offene Austausch zeigt, dass auch wenn [OEP schwierig zu definieren sei](https://oer.community/recap-foerbico-tagung-2026/), es in Handlungsgeschehen passiert. -## Learnings aus der Tagung -OER und OEP ermöglichen mit ihren grundlegen Ansatz gewisse Ausgegrenzungsstrukturen entgegen zu wirken. Jedoch geschieht dies nicht Vorraussetzungsfrei. Es bedarf technische Vorraussetzungen von Zugang zu Hardware bis hinzu Kentnisse über Tools und offene Arbeitswege. Eine offene didaktische Haltung bringt irritiert das bekannte Lernmuster. Viele studierende kennen nur ein oder zwei Formen der Wissensaneignung und diese Muster sind zu durchbrechen um offene Bildung zu ermöglichen. Strukturelle Rahmen stehen offenen Methoden oder Materialien im Weg, sei es in Form von Lizensierungen oder schlicht und ergreifend Vorbereitungs- und Durchführungszeit. Offenheit erfordert auch eine Transparenz, Machtstrukturen werden trotz offener Bildungsmöglichkeiten nicht überwunden, es ist umso wichtiger diese in einem Prozess offen zu legen. Trotz dieser Hürden, ist eine Haltung von Openness grundlegend um strukturelle Ausgrenzungen im Bildungssektor entgegen zu wirken. Dabei hilft es den Fokus von Beitragsorientierung hinzu Prozessorientierung zu verschieben. Es ist auch nicht der Anspruch von Heute auf Morgen alles richtig umzusetzen, sondern es geht um einen Schrittweisen Veränderung der Lehr- und Lernkultur. \ No newline at end of file +Der gemeinsame Community-Abend bot Raum für eine gelebte Praxis von Offenheit und Austausch. In einem offenen Format konnten Teilnehmende eigene OER sowie Seminarideen einbringen, gemeinsam reflektieren und kollaborativ weiterentwickeln. Dabei entstanden auch spontane Arbeitsgruppen, etwa zu Fragen der Selbstorganisation und des Wissensmanagements sowie zur Rolle digitaler Tools in individuellen und kollaborativen Arbeitsprozessen. In diesem Kontext stellte das FOERBICO-Projekt seine Erfahrungen mit offenen Arbeitsweisen vor, insbesondere mit Git und Markdown, und diskutierte, inwiefern diese Praktiken etablierte Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit im institutionellen Hochschulkontext verändern können. + +Zugleich konnten auch die im FOERBICO Projekt erarbeiteten [Qualitätskriterien](https://oer.community/qualitaet/) vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden. Sie dienen als praxisnahe Orientierungsfolie, um die Entwicklung, Überarbeitung und Qualitätssicherung von OER-Materialien zu unterstützen. In der Diskussion wurde deutlich, dass Qualitätsfragen nicht ausschließlich technisch oder formal zu verstehen sind, sondern stets auch didaktische, inhaltliche und letztlich auch machtkritische Dimensionen umfassen. Insbesondere mit Blick auf Zugangsvoraussetzungen und technische Barrierefreiheit wurde deutlich, wie zentral diese Aspekte für eine inklusive Gestaltung von OER sind. + +Der Community-Abend eröffnete einen Raum gelebter Praxis und ermöglichte damit den Übergang vom Sprechen über OEP hin zum konkreten Handeln. Besonders die Multiperspektivität und der offene Austausch machten deutlich, dass sich OEP nicht allein begrifflich fassen lassen, sondern sich vor allem im gemeinsamen Tun entfalten. Gerade darin zeigt sich, dass – auch wenn [OEP schwierig zu definieren sind](https://oer.community/recap-foerbico-tagung-2026/) ihre Bedeutung primär im Handlungsgeschehen und in kollaborativen Praktiken sichtbar wird. + + +## Learning: Etabliete Lernmuster irritieren + +OER und OEP eröffnen mit ihrem grundlegenden Ansatz das Potenzial, bestehenden Ausgrenzungsstrukturen im Bildungssystem entgegenzuwirken. Zugleich zeigt sich, dass Offenheit keineswegs voraussetzungslos ist: Sie erfordert sowohl technische Infrastrukturen – vom Zugang zu geeigneter Hardware bis hin zu Kompetenzen im Umgang mit digitalen Tools und offenen Arbeitsweisen – als auch entsprechende didaktische und institutionelle Rahmenbedingungen. +Eine offene didaktische Haltung kann etablierte Lernmuster irritieren, da viele Studierende primär mit wenigen, oft stark vorstrukturierten Formen der Wissensaneignung vertraut sind. Offene Bildungspraktiken zielen jedoch darauf, diese Routinen aufzubrechen und neue Formen der Partizipation und Wissensproduktion zu ermöglichen. + +Gleichzeitig stehen strukturelle Bedingungen der Umsetzung häufig entgegen, etwa restriktive Lizenzierungsfragen, institutionelle Vorgaben oder begrenzte zeitliche Ressourcen in der Vorbereitung und Durchführung von Lehre. +Darüber hinaus impliziert Offenheit ein erhöhtes Maß an Transparenz, wodurch bestehende Machtverhältnisse nicht automatisch aufgehoben, sondern vielmehr sichtbar werden. Gerade darin liegt jedoch ein großes Potenzial: OEP können dazu beitragen, Machtstrukturen reflexiv zu thematisieren und kritisch zu bearbeiten. Eine Kultur der Offenheit erweist sich somit als grundlegende Voraussetzung, um langfristig exkludierende Strukturen im Bildungsbereich zu adressieren. + +Dabei geht es weniger um die unmittelbare perfekte Umsetzung offener Bildung, sondern vielmehr um eine schrittweise Transformation von Lehr- und Lernkulturen. Unterstützend wirkt hierbei eine Verschiebung der Perspektive – weg von einer reinen Output- bzw. Beitragsorientierung hin zu einer stärkeren Prozessorientierung, in der gemeinsames Lernen, Aushandlung und Reflexion zentral werden. + + +## OEP und Demokratiebildung - Quo vadis? + +Im Kontext gegenwärtiger Debatten um offene Bildung lässt sich der Fokus auf partizipative Lehr-Lernformate aktuell deutlich beobachten: OEP erscheinen zunehmend als Antwort auf eine von „post-truth“-Dynamiken geprägte Wissensordnung [(vgl. Glassmann/ Tilak/ Kang)](https://doi.org/10.1080/01587919.2023.2267468) Sie verschieben die Rolle von Studierenden grundlegend – weg von der Rezeption hin zur aktiven Mitgestaltung von Wissen. +In offenen, kollaborativen Settings wird Lernen damit selbst zu einer demokratischen Praxis: Informationen werden nicht nur aufgenommen, sondern geprüft, verhandelt und in gemeinsamer Verantwortung weiterentwickelt. Hier liegt das demokratiefördernde Potenzial von OEP: Epistemische Autorität wird im Prozess kooperativer Aushandlung hervorgebracht. Zugleich wird u.a. auch im Rahmen der Tagung deutlich, dass diese Offenheit nicht von selbst entsteht, sondern didaktisch sehr stark begleitet und durch den gezielten Aufbau entsprechender Kompetenzen ermöglicht werden muss. + + +Literatur: + +Alheit, P. (2020). Ein kritischer Blick auf Öffnungs- und Schließungstendenzen ausgewählter europäischer Universitätssysteme, in: Iller C.; Lehmann, B.; Vierzigmann, G.; Vergara S. (Hg.): Von der Exklusion zur Inklusion. Weiterbildung im Sozialsystem Hochschule, Bielefeld, 19–32, https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=cHGYEAAAQBAJ&oi=fnd&pg=PA19&dq=Peter+Alheit+ausschluss+universit%C3%A4t&ots=EEGcjwidXo&sig=pceMTheIk257mawLz-D_dZou5OM#v=onepage&q&f=false. + +Bali, M.; Cronin, C. & Jhangiani, R. S. (2020). Framing Open Educational Practices from a Social Justice Perspective, in: Journal of Interactive Media in Education, 10(1), 1–12. https://doi.org/10.5334/jime.565. + +Glassman, M.; Tilak, S. & Kang, M. J.(2023) Transcending post-truth: Open educational practices in the information age, in: Distance Education, 44 (4), 637-654, https://doi.org/10.1080/01587919.2023.2267468. + +