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https://schema.org/ Published LearningResource Geschöpflichkeit als Maßstab - vier Bestimmungen für eine evangelische Position zu KI in der Bildung Ergebnisse einer Arbeitsgruppe am Comenius-Institut: Zuspruch, Entzogenheit, Vergebung und Berufung als vier Bestimmungen, die das Menschsein im KI-Zeitalter evangelisch profilieren. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de https://oer.community/geschoepflichkeit-als-massstab-ki
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2026-04-29
KI
Religionspädagogik
Theologie
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Jörg Lohrer
Miriam Hähnel
Simone Wustrack
Steffen Kleint
Geschöpflichkeit als Maßstab - vier Bestimmungen für eine evangelische Position zu KI in der Bildung
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Ergebnisse einer Arbeitsgruppe am Comenius-Institut: Zuspruch, Entzogenheit, Vergebung und Berufung als vier Bestimmungen, die das Menschsein im KI-Zeitalter evangelisch profilieren und warum religionsbezogene Bildung hier eine eigene Stimme einbringt. geschoepflichkeit-als-massstab-ki
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TL;DR In einer Arbeitsgruppe am Comenius-Institut haben wir uns gefragt, was religionsbezogene Bildung gegenüber KI eigentlich Eigenes einzubringen hat. Den Anstoß gaben Anregungen von Prof. Dr. Birte Platow, die uns vier Punkte zum Weiterdenken mitgegeben hatte. Herausgekommen sind vier Bestimmungen des Menschseins, die KI strukturell nicht leisten kann: Zuspruch, Entzogenheit, Vergebung, Berufung. Sie machen Geschöpflichkeit als Maßstab evangelischer Bildung im KI-Zeitalter konkret.

Geöffnete menschliche Hand, über der eine zarte, leuchtende Netzstruktur frei schwebt – Symbolbild für Geschöpflichkeit und KI Symbolbild „Geschöpflichkeit und KI", erstellt mit Gemini (Nano Banana), CC0 1.0


Der Rahmen

Am 28. April 2026 saßen wir zu viert am Comenius-Institut zusammen - Miriam, Simone, Steffen und Jörg - und haben uns am Nachmittag Zeit genommen für eine Frage, die sich uns an unserer evangelischen Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft immer drängender stellt: Was ist eigentlich der genuin evangelische Beitrag zur KI-Debatte in der Bildung? Den Impuls dazu, in vier Punkten zu denken, verdanken wir Prof. Dr. Birte Platow, die uns diese Struktur als Anregung zum Weiterdenken mitgegeben hatte.

Die Debatte um KI in Schule und Hochschule wird derzeit überwiegend technisch, rechtlich und ethisch geführt. Das ist richtig und nötig. Aber wo liegt das Proprium religionsbezogener Bildung? Was wäre, wenn Religionspädagogik hier nicht nur „auch noch ein bisschen Ethik zur KI" beiträgt, sondern eine eigene Hermeneutik einbringt, die im allgemeinen Bildungsdiskurs bisher fehlt?

Roter Faden

Die vier Punkte, die wir erarbeitet haben, beschreiben den Menschen jeweils in einer Relation, die KI strukturell nicht haben kann: Zuspruch (Potential), Unverfügbarkeit (Entzogenheit), Vergebung (Fehlerkultur), Berufung (cooperatio). Religionsbezogene Bildung ist dann nicht das fünfte Rad am ethischen Wagen, sondern der Ort, an dem diese vier Relationen explizit gemacht und eingeübt werden.

Evangelisch profiliert heißt das für uns: Bildung ist Einübung in Geschöpflichkeit gegen die Optimierungs-Hermeneutik der Gegenwart. KI ist nicht Gegner, sondern Anlass. Sie fordert unser Selbstverständnis heraus, eine Klarheit zu entwickeln und unsere Position im normalen Bildungsbetrieb nicht verschwimmen zu lassen.

1. Menschen als Potential denken

Reformatorisch grundiert ist das die promissio-Logik: Der Mensch wird nicht an dem gemessen, was er ist, sondern an dem, was ihm zugesagt ist. Luthers Rechtfertigungslehre kehrt die Bewertungsrichtung um: Nicht Leistung qualifiziert, sondern Zuspruch eröffnet Leistung. Übertragen auf religionsbezogene Bildung heißt das: Lernende werden nicht primär über Kompetenzraster definiert (was sie noch nicht können), sondern über ihre Berufung zur Mündigkeit.

Das hat im evangelischen Profil eine bildungstheoretische Konsequenz, die für KI-Kontexte produktiv ist: Bildung ist nicht Defizit-Behebung durch optimierte Lernpfade. Wenn ein KI-gestütztes System Schüler:innen primär als Lücken adressiert, die es zu schließen gilt, arbeitet es gegen die promissio-Struktur. Evangelische Religionspädagogik müsste hier entschiedener sein: Adaptive Lernsysteme sind nicht per se gut, weil sie individualisieren, sie können auch die Defizit-Hermeneutik technisch verfestigen.

Anschluss für unsere Arbeit: Comenius selbst hat omnia omnibus omnino gedacht alle, alles, ganzheitlich. Das ist Potential-Denken avant la lettre, und es lässt sich gegen die Selektionslogik vieler EdTech-Systeme stellen.

2. Menschen in Unverfügbarkeit denken

Hier liegt ein stabiler evangelischer Anker. Die Reformation hat coram Deo (vor Gott) als die Dimension bestimmt, in der der Mensch sich selbst gerade nicht verfügt. Die Rechtfertigung sola gratia ist die radikalste denkbare Absage an die Selbstoptimierungs-Logik: Der Mensch kann sich nicht selbst herstellen, nicht selbst rechtfertigen, nicht selbst vollenden. Was zählt, ist ihm entzogen und zugleich zugesagt.

Das ist anschlussfähig an Hartmut Rosa, geht aber tiefer: Unverfügbarkeit ist nicht nur soziologisch-phänomenologisch (das Leben entzieht sich uns), sondern theologisch-strukturell - der Mensch ist sich selbst Geheimnis, weil er von einem Anderen her existiert. Bonhoeffers Formel vom „Leben in Verantwortung" setzt genau hier an: Verantwortung ist möglich, weil der Mensch sich nicht selbst gehört.

Für religionsbezogene Bildung in KI-Kontexten heißt das: Es gibt eine theologische Pflicht zur Intransparenz. Lernende dürfen sich nicht vollständig vermessen lassen; nicht weil Datenschutz das verbietet (das auch), sondern weil Geschöpflichkeit ein Reservat hat, das jeder Optimierung entzogen bleibt. Das ist ein Argument, das im AI-Act-Diskurs bisher fehlt und das evangelische Bildungsarbeit einbringen kann.

Praktisch: Ein KI-Tool, das Lernfortschritt in Echtzeit komplett abbildet, ist nicht nur datenschutzproblematisch, sondern anthropologisch fragwürdig. Das Schweigen, das Stocken, das Nicht-Wissen-Wollen gehört zur Lerngeschichte.

3. Fehler als menschliches Privileg

In der evangelischen Reflexion zeigt sich Fehlerkultur auch theologisch fundamentiert simul iustus et peccator. Der Mensch ist gerechtfertigt und fehlbar, gleichzeitig, nicht nacheinander. Das ist mehr als pädagogische Fehlerfreundlichkeit: Es ist die Anerkennung, dass Vollkommenheit nicht das Ziel menschlicher Existenz ist. Wer das Ziel auf Fehlerfreiheit setzt, hat das Evangelium nicht verstanden.

Daraus folgt etwas Konkretes für die KI-Diskussion: Wenn KI-Systeme als „fehlerärmer" beworben werden (in Bewertung, Beratung, Entscheidung), ist das aus evangelischer Sicht keine theologisch neutrale Behauptung. Sie suggeriert, Fehlerfreiheit sei ein erstrebenswertes Ziel, und genau das ist sie nicht. Der Fehler ist nicht Betriebsstörung, sondern konstituiert menschliche Freiheit.

Die Unterscheidung zwischen systematischem und unsystematischem Fehler wird hier theologisch interessant: Menschliche Fehler sind biographisch eingebettet, sie haben eine Geschichte, einen Kontext, oft eine Buß- und Versöhnungsdimension. KI-Fehler sind systemisch, sie haben keine Reue, keine Umkehr, keine Beziehung - sie imitieren allenfalls deren Sprachform. Vergebung setzt Personalität voraus. Eine KI, die „sich entschuldigt", performiert ein religiöses Sprachspiel ohne dessen Grund.

Für religionsbezogene Bildung heißt das: Fehlerkultur im KI-Zeitalter ist eine genuin religionspädagogische Aufgabe, nicht nur eine pädagogische. Wo sonst wird gelernt, dass Scheitern, Schuld und Neuanfang zur Existenz gehören?

4. Mensch als cooperator Dei und KI?

Hier wird das evangelische Profil schärfer als das katholische. Cooperator Dei ist im katholischen Verständnis stärker tragfähig (Synergismus); reformatorisch ist Mitwirkung am Heilsgeschehen ausgeschlossen, Mitwirkung am Schöpfungs- und Erhaltungshandeln Gottes aber zentral. Luthers Rede vom Menschen als „Mitarbeiter Gottes" in den weltlichen Ständen (Beruf, Familie, Gemeinwesen) ist Berufungstheologie: Der Mensch wirkt in seinem Stand am Erhalt der Schöpfung mit - nicht als Heilsmitarbeiter, sondern als Geschöpf unter Geschöpfen.

Das hat für die KI-Frage zwei Konsequenzen:

Erstens: KI kann nicht Mit-cooperator sein. Cooperatio im evangelischen Sinn setzt Berufung voraus, und Berufung setzt eine Adressatenbeziehung voraus, in die ein Subjekt eintreten kann. KI ist nicht angesprochen, sie wird benutzt. Sie ist Teil der Welt, in der Menschen ihre Berufung leben, nicht Maschinen.

Zweitens, und das ist die interessante Wendung: KI ist Teil der gestaltbaren Schöpfung, und ihre Gestaltung ist selbst Berufungshandeln. Wer KI-Systeme entwickelt, einsetzt, kuratiert (genau das tun wir am Comenius-Institut), übt cooperatio aus. Die Frage „Wie soll KI in Bildung eingesetzt werden?" ist dann keine technische, sondern eine Berufungsfrage: Welche Welt baut man mit, wenn man dieses Tool empfiehlt, jenes ablehnt, ein drittes weiterentwickelt?

Das ist die theologische Dignität unseres evangelischen Bildungshandelns am Comenius-Institut: Wir arbeiten nicht nur als Service, sondern wirken mit an einer menschenfreundlichen Bildungswirklichkeit.

Wie es weitergeht

Das hier ist ein Zwischenstand, kein abgeschlossenes Papier. Die vier Bestimmungen sind für uns Arbeitshypothesen, an denen wir entlang weiterdenken wollen - in der konkreten Auseinandersetzung mit Tools, in der Gestaltung von Bildungsräumen, in Gesprächen mit Kolleg:innen aus Religionspädagogik, Theologie und Bildungsforschung.

Wenn die Punkte für eure eigene Arbeit anschlussfähig sind, freuen wir uns über Rückmeldung. Widerspruch genauso wie Weiterführung. Geschöpflichkeit lebt nicht zuletzt davon, dass sie im Gespräch konkret wird.


Arbeitsgruppe am Comenius-Institut, 28.04.2026: Miriam Hähnel, Simone Wustrack, Jörg Lohrer, Steffen Kleint. Die Anregung zu den vier Punkten verdanken wir Prof. Dr. Birte Platow, die Ausgestaltung unserer eigenen Geschöpflichkeit und der Unterstützung von Anthropics Claude Opus 4.7 und Googles Nano Banana 2